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Wir lesen und diskutieren Wilhelm Reich: "Die Massenpsychologie des Faschismus", 7. Auflage 2011 ("KiWi"-Taschenbuch)."Alles Faschos außer Mutti", so laute das heimliche Motto derjenigen, die mit Vorliebe alles ungefähr Konservative bis Rechtsradikale, alles von ungefähr Seehofer bis Sellner umstandslos in einen Topf schmeißen und blindlings mit dem (Kampf-)Begriff "Faschismus" etikettieren, schrieb der Historiker Jan Gerber letztes Jahr in der "Jungle World". Dass eine derart konturlose Generalkategorie des ultimativ Bösen vielmehr den Verstand vernebelt, als ihm zu einer adäquaten Beurteilung des jüngsten Aufstiegs tatsächlich autoritärer, antidemokratischer Parteien und Bewegungen zu verhelfen, liegt auf der Hand. Sich die Frage nach dem Faschismus kritisch zu stellen, ohne insgeheim zu glauben, die Antwort von vornherein bereits irgendwie erfühlt zu haben, tut also not - erst recht, wenn man sich selbst "antifaschistisch" nennt. Man muss selbstredend zunächst mal verstehen, was der historische Faschismus war, bevor man vernünftigerweise überhaupt in Verlegenheit kommen kann, dessen Rückkehr zu behaupten. Wilhelm Reich lieferte mit seiner "Massenpsychologie des Faschismus" 1933 einen der frühesten Erklärungsansätze. Indem er die Freudsche Psychoanalyse und den Marxismus, jeweils kritisch gelesen, erstmals miteinander kombinierte, begründete er zugleich den sogenannten Freudomarxismus. Die Psychoanalyse sollte von ihrer Blindheit gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen die zu analysierenden Individuen lebten, kuriert werden; der Marxismus indessen von seiner Ignoranz insbesondere gegenüber der offenbaren Irrationalität der Massen, die überraschenderweise die nationalsozialistische Volksgemeinschaft der proletarischen Revolution vorzogen. Aus dieser Perspektive war Faschismus nach Reich "die emotionelle Grundhaltung des autoritär unterdrückten Menschen der maschinellen Zivilisation und ihrer mechanistisch-mystischen Lebensauffassung". Leitbegriffe seiner Analyse sind "Sexualökonomie" und "orgastische Potenz": Die ständige Unterdrückung des individuellen Sexualtriebs in der autoritären Familie mache den Menschen anfällig für faschistische Ideologie. Reichs Vertrauen in das emanzipatorische Potenzial des gesunden Orgasmus erscheint dabei mitunter durchaus problematisch, nämlich, so etwa der Autor Uli Krug, als möglicher antizivilisatorischer Türöffner für eine "sexuelle Querfront, die Kraft durch Freude zur Kraft durch Ficken radikalisiert hätte".Was es mit dem Ganzen en détail auf sich hat, wollen wir im Lesekreis anhand der Primärquelle zu ergründen versuchen. Eingeladen sind alle, die sich für das Thema interessieren; Vorkenntnisse sind nicht nötig. Zum ersten Treffen am 12. April könnt Ihr ferner problemlos ohne Text kommen. Eingangs gibt es nämlich eine kurze Einführung und anschließend sollen die Anwesenden nach Gusto entscheiden, wie wir weitermachen: In Betracht kommt zum Beispiel, gemeinsam einen kurzen Text zu lesen und zu diskutieren (primär oder sekundär, lasst Euch überraschen, Kopien werden vorhanden sein) oder etwa eine Dokumentation über Wilhelm Reich zu gucken. In den Folgesitzungen werden wir dann Kapitel für Kapitel das Buch besprechen. Ihr könnt gerne jederzeit dazustoßen. - mit Niklas Wünsch, Jurastudent und aktiv beim Referat für Antirassismus und Antifaschismus im AStA der Universität Trier sowie beim Rosa Salon